Verpackungs- und Vertriebsgebäude

Ricola Europe Mulhouse-Brunstatt, Rue de l’Ill, erstellt 1992–1993

Als das Schweizer Volk 1992 in einer Abstimmung ablehnte, dem Wirtschaftsraum der EU beizutreten, drängte sich für das Unternehmen die Gründung eines Vertriebes in der EU und der Bau einer Ricola Europa dienenden Halle im nahen Frankreich auf.

Diese Halle wurde 1993 in wenigen Monaten erstellt. Sie liegt in Mulhouse-Brunstatt gegenüber auf der westlichen Seite des Rhein-Rhône-Kanals, am Rand von Mulhouse-Brunstatt. Sie ist ein einfacher Körper, 60 m lang, 30 m breit und 8 m hoch. Auf den zwei langen Seiten ragt das Dach 8 m weit vor, leicht nach oben weisend. Es schafft grosse geschützte Flächen, die gegen den Hof zum Ein- und Ausladen der Lastwagen dienen, gegen einen kleinen Park hin für die Arbeitspausen. Das Dach besteht hier aus lichtdurchlässigem Material, sodass diese Flächen in ein weiches Licht getaucht sind.

Die Konstruktion der Halle besteht aus Stahl, der schwarz gestrichen ist. Die Stützen bilden einen freien Grundriss. Mit Platten aus Kunststoff sind verschiedene Räume abgetrennt: Gegen den Hof liegen die Lager für die Kräuterbonbons, die in grossen Säcken mit den entsprechenden Kodes aus Laufen geliefert werden, und für die versandbereiten Kartons, gegen die andere Seite die Räume mit den Maschinen, die diese Kräuterbonbons in die „Boxen“ abfüllen.

Die zwei langen Wände des Baues bestehen in der vollen Höhe aus 8 m langen, 0,5 m breiten dreischichtigen Platten aus lichtdurchlässigem Polykarbonat. Die Platten bilden eine glatte Haut, in der nur Tore unterschiedlicher Höhe und grosse, runde 2 m hohe Fenster ausgespart sind. Die Fenster gehen von den Räumen, in denen gearbeitet wird, auf eine Umgebung, die gewissermassen in Schichten vor der Halle liegt: die Wiese mit einer Baumreihe, eine Strasse, der genannte Kanal, die Bahnlinie Basel-Paris und das alte Dorf Brunstatt. Die Platten nun sind auf der inneren Seite mit einem Motiv bedruckt, das sich in der Höhe sechsmal wiederholt. Es handelt sich um eine Fotografie von Karl Blossfeldt aus den Zwanziger Jahren, das ein Blatt zeigt. Von aussen ist diese Bedruckung am Tag nur schwach zu sehen und nur, wenn es vom Glanz des Kunststoffs nicht weggewischt wird: von innen aber hat sie eine starke Präsenz. Sie dämpft das Licht in der hohen Halle angenehm und verschafft den Platten die Wirkung von Vorhängen. Diese Wirkung haben die Architekten im Marketinggebäude für Ricola mit wirklichen Vorhängen weiterverfolgt – und mit wirklichen Pflanzen.

In der Nacht aber, wenn innen die Beleuchtung eingeschaltet ist, kehrt sich die Wirkung um: Der Bau wird gewissermassen zu einer bedruckten Schachtel, auf der sich die Konstruktion und die Dinge in der Halle, Maschinen und Container, wie Flecken abzeichnen. – Diese Container, die fertig gekauft in die Halle gestellt sind, enthalten die Räume, die geschlossen sein müssen, Büro-, Aufenthalts- und Garderobenräume.
Die Bedruckung der Platten aus Kunststoff gehört zu einer «Recherche architecturale» von Herzog & de Meuron. Sie richtet sich darauf, die Schichten eines Baues, die nicht tragen, in ihrem architektonischen Wesen erkennbar zu machen. So haben die Architekten in einem früheren Entwurf Platten aus Glas mit dem Bild der Wärmedämmung bedrucken lassen, die von diesen Platten vor Nässe geschützt wird. Die Erinnerung an Stoff in der Halle für Ricola Europe weist in die gleiche Richtung (eine Erinnerung an die 50er-Jahre mit ihren organischen Formen).

Dieser Stoff nun verkleidet auch die untere Seite des auskragenden Daches. So wirkt dieses wie eine Store und lässt dabei die statischen Kräfte vergessen, die in einer so weiten Auskragung auftreten.– Die Wahl gerade dieses Motivs ist aber auch zu sehen in Verbindung mit der Ware, die Ricola herstellt, auf pflanzlicher Grundlage.

Sprechen wir schliesslich noch von den zwei anderen Wänden der Halle. Sie sind aus dunkel gefärbtem Beton und steifen die Konstruktion aus. Das Regenwasser, das sich auf dem Dach sammelt, fliesst über den Beton herunter. Wenn die Wände nass sind, spiegeln sie, wenn der Regen zu trocknen beginnt, bildet er dunkle Bahnen, und wenn die Wände trocken sind, zeigen sich auf ihnen braune und grüne Verfärbungen, die von Abgasen und den Algen stammen. Sie sind Teil des Entwurfes. Sie schliessen in der Vorstellung der Architekten das Altern in die Wirkung des Baues ein. Sie sind in diesem Sinn nicht Verschmutzung, sondern Spuren des Lebens wie die Falten in der Haut des Menschen, der altert.

Text: Martin Steinmann