Marketinggebäude

Baselstrasse 31, Garten, Laufen, erstellt 1998–1999

Der letzte Bau, den Herzog & de Meuron für Ricola entworfen haben, dient der Marketingabteilung. Er steht im Garten hinter dem Haus an der Baselstrasse, in dem das Unternehmen seinen Anfang genommen hat. Er hat gläserne Wände und nimmt mit seiner Durchsichtigkeit das Bild eines Pavillons auf, wie er früher dort gestanden hat.

Das Grundstück hat eine unregelmässige Form. Da es für den zu planenden Bau sehr klein war, ergab sich ein Körper, der die bebaubare Fläche mit seinen Ecken gewissermassen aussteckt. Zwischen den Ecken sind die Wände aber in unterschiedlichem Mass gegen innen gefaltet. Im Hof könnte eine alte Föhre der Grund für diese Massnahme sein, wie schon einmal in einem Entwurf der Architekten. Auf den anderen Seiten gilt er allerdings nicht und man muss sich einen anderen Grund ausdenken: Die freie Form des Baues verbindet die verschiedenen vorhandenen Ordnungen. Damit reflektiert sie das, was städtebaulich eine Eigenschaft der Umgebung ist, nämlich die Beziehungslosigkeit der Dinge, der Strassen, Parzellen, Häuser, die sie bilden.

Das Wort «reflektieren» ist auch in einem zweiten, wörtlichen Sinn zu verstehen. Da die Wände aus Glas bestehen, spiegelt der Pavillon diese Dinge, und er tut es in Stücken, wegen der Faltung seiner Wände. Das entspricht dem Wesen der Umgebung, in der es keine Ordnung gibt ausser der einer Collage. Der Bau aber wird so Teil dieser Ordnung, seine Seiten scheinen selber aus Stücken zusammengeklebt. Und sie scheinen weniger lang zu sein. Das hat seine Bedeutung in einer Zone, die Häuser von höchstens 25 m vorsieht, während der neue Bau 39 m lang ist.

Über den Rand des Daches ragen Stangen hinaus. Ihre Enden beschreiben gerade Linien zwischen den Ecken. So machen sie das Mass erkennbar, in welchem die Wände gefaltet sind. Vom Dach, das mit Erde bedeckt wurde, wachsen Pflanzen über die Netze, die zwischen die Stangen gespannt sind. Die Pflanzen sind so gewählt, dass ihre Blätter wechselnde Farben zeigen: Weinrebe, Waldrebe, Geissblatt... Nur der Efeu bleibt auch im Winter grün. Und wenn Schnee auf den Ranken liegt, biegen sich die Stangen aus Glasfasern.

Indem der Entwurf diese Pflanzen zu seinem - architektonischen - Material macht, schreibt er sich in eine «Recherche architecturale» ein, die Herzog & de Meuron seit langem betreiben (siehe auch das Ricola Gebäude in Mülhausen-Brunnstatt). Sie richtet sich auf die Verbindung von Architektur und Natur.
Glas mit seinen gegensätzlichen Eigenschaften, den Blick durchzulassen oder, wenn es reflektiert, eben nicht durchzulassen, ist ein wichtiges Mittel dieser Suche. So sehen wir vom Hof aus durch den Pavillon hindurch auf die mit Farnen bepflanzte Böschung, die das Grundstück begrenzt. Sie aber vermischt sich mit der Wand des alten Hauses, die sich im Glas spiegelt. Dinge und Bilder von anderen Dingen wirken auf diese Weise wie Schleier, die hintereinander hängen und die Grenzen des Baues verwischen.
Diese Wirkung bestätigt sich im Inneren. Der Pavillon wird von einer zweigeschossigen Halle beherrscht, in der eine ungewöhnlich breite Treppe nach oben führt. Die Halle, die auch für Veranstaltungen dient, gibt mit ihrer Durchlässigkeit den Ton des Entwurfes an. Die Arbeitsräume sind gegen sie offen, auch wenn manchmal Wände aus Glas die Stimmen dämpfen und Vorhänge die Blicke: grau-grüne von Rosemarie Trockel und farbige von Adrian Schiess, wobei sich die Farben der Stoffe, die in drei Schienen laufen, verschieden mischen lassen. Die Arbeiten der zwei Künstler werden durch diese Zweckhaftigkeit zum Teil der Architektur. Anderseits weiten sie das Engagement des Unternehmens für die Kunst der Gegenwart aus.

Zu den Vorhängen gehören schliesslich auch die Pflanzen, die nach und nach über den Rand der Netze herunterwachsen. Sie zeichnen veränderliche Muster von Licht und Schatten auf die gläsernen Wände, und sie sind für die Architekten ein Mittel, die Zeitlichkeit in ihren Bauten einzubeziehen. In diesem Sinn rechnen sie damit, dass sich diese verändern. «Alles altert, sagen sie, aber nur wenige Bauten verändern sich so, dass man es als eine Qualität sehen kann.»

Text: Martin Steinmann